Gewichtsdiskriminierung am Arbeitsplatz

Gewichtsdiskriminierung am Arbeitsplatz ist ein hartnäckiges gesellschaftliches Problem, das sich in verschiedenen Arbeitsbereichen zeigt. Neben den moralischen Aspekten bringen diese Diskriminierungen auch wirtschaftliche Nachteile mit sich.

Inhaltsverzeichnis

Kürzlich bin ich auf LinkedIn auf einen von HerCareer geteilten SZ-Artikel mit dem Titel „Hochgewicht im Job: Dünn sein lohnt sich“ aufmerksam geworden. Beleuchtet werden hier die Auswirkungen des Körpergewichts auf die Arbeit und Karriere – und leider sind diese Auswirkungen oft negativ. Gewichtsdiskriminierung am Arbeitsplatz ist weit verbreitet und nimmt viele Formen an. Der Artikel hat mich betroffen gemacht, da die angesprochenen Themen keine Neuigkeiten für mich waren. Bereits in meiner Doktorarbeit „(Ge)wichtige Körper“ habe ich diese Aspekte mit älteren Quellen untersucht und analysiert. Bedeutet: Gewichtsstigmatisierungen am Arbeitsplatz sind auch im Jahr 2023 nach wie vor ein gesellschaftliches Problem. Höchste Zeit also, etwas zu ändern.

Wer mithalten möchte, muss den Körperidealen entsprechen

Auch wenn sich nicht alle Menschen ständig mit dem eigenen Körper und der eigenen Schönheit beschäftigen, so scheint doch fast niemandem sein Äußeres vollkommen egal zu sein. Grund dafür ist der Druck seitens der Gesellschaft sich bestehenden (Körper-)Normen anzupassen. Wer gesellschaftlich ‚mithalten‘ möchte, kann sich diesen Körperidealen kaum völlig entziehen, denn der Körper ist Ausdrucksmittel der sozialen Positionierung, sprich, der Platzierung eines Menschen in der Gesellschaft. Wer schlank, jugendlich, fit und authentisch ist, wird als intelligenter, erfolgreicher, zufriedener, sympathischer, kreativer und fleißiger eingestuft und hat damit auch auf dem Arbeitsmarkt verbesserte Chancen.

Das gesellschaftliche Bild von Übergewichtigen ist negativ besetzt

Wer dem Schönheitsideal dagegen nicht entspricht, ist klar im Nachteil. „Fat equals reckless excess, prodigality, indulgence, lack of restraint, violation of order and space, transgression of boundary“ und „fat is seen as repulsive, funny, ugly, unclean, obscene, and above all as something to lose“, heißt es in Bodies Out of Bounds, einer interdisziplinären Untersuchung zur diskursiven Konstruktion und Wahrnehmung von Korpulenz. Die Herausgeberinnen und amerikanischen Kommunikationswissenschaftlerinnen Jana Evans Braziel und Kathleen Le Besco gehen gar so weit, von einer „western vilification of fatness“ in postmodernen kapitalistischen Patriarchaten zu sprechen.

Braziel und Le Besco betonen außerdem, dass Übergewicht häufig gedanklich gleichgesetzt wird mit Verschwendung, Genusssucht, Mangel an Zurückhaltung und Überschreitung von Grenzen und als ekelhaft, lächerlich, hässlich, unsauber, obszön und vor allem als etwas, das man verlieren muss, angesehen wird.

Bei einer so negativ besetzten Vorstellung von Übergewicht verwundert es kaum mehr, dass Gewichtsstigmatisierungen und Gewichtsdiskriminierungen auch am Arbeitsplatz auftreten.

Der Begriff Uebergewicht ist gesellschaftlich negativ besetzt copyright @ pixabay
Allein schon bei der Suche nach geeignetem Bildmaterial zu diesem Blogbeitrag bestätigt sich: Der Begriff "Übergewicht" ist gesellschaftlich negativ besetzt und wird sofort mit dem Thema "Abnehmen" verknüpft.

Gewichtsdiskriminierungen treten in mindestens fünf Aspekten des Arbeitslebens auf

Im Bereich der Übergewichtsstigmatisierung am Arbeitsplatz sind für mich nach wie vor zwei unter der Leitung von Prof. Dr. Katrin Giel, Universitätsprofessorin an der Uni Tübingen, durchgeführte Studien besonders interessant: Weight bias in work settings—a qualitative review (Gewichtsdiskriminierung im Arbeitsumfeld – eine qualitative Überprüfung) und Stigmatization of Obese Individuals by Human Resource Professionals. An Experimental Study (Stigmatisierung von Fettleibigen durch HR Mitarbeiter. Eine experimentelle Studie).

Die erste Studie analysierte bereits vorhandene Selbstberichtsdaten, Umfragen und Laboruntersuchungen wahrgenommener Gewichtsdiskriminierung am Arbeitsplatz. Dabei wurden Diskriminierungen in fünf Aspekten des Arbeitslebens herausgearbeitet: Es gibt Hinweise darauf, dass Fettleibigkeit ein allgemeines Hindernis für die Beschäftigung, bestimmte Berufe und den beruflichen Erfolg darstellt. Übergewichtige Menschen haben ein höheres Risiko, auf Stereotype hinsichtlich ihrer beruflichen Qualitäten zu stoßen und am Arbeitsplatz allgemein ungleich behandelt zu werden. Erschreckend war auch, dass einige Umfrageergebnisse aus den USA gezeigt haben, dass in manchen Fällen sogar mehr Berichte über Diskriminierung aufgrund des Körpergewichts am Arbeitsplatz vorliegen als über Diskriminierung aufgrund von Geschlecht oder Rasse.

"Es gibt Hinweise darauf, dass Fettleibigkeit ein allgemeines Hindernis für die Beschäftigung, bestimmte Berufe und den beruflichen Erfolg darstellt."

Personalfachkräfte neigen zu einer ausgeprägten Gewichtsstigmatisierung

In der zweiten von Prof. Dr. Katrin Giel geleiteten Studie wurde die Gewichtsdiskriminierung im Arbeitsumfeld mit einer computergestützten experimentellen Querschnittsstudie untersucht.

127 HR-Fachkräfte, die regelmäßig wichtige Karriereentscheidungen für andere Menschen treffen, sollten auf Fotos abgebildete Personen hinsichtlich ihres arbeitsbezogenen Prestiges und ihrer Erfolge bewerten. Die fotografierten Personen trugen allesamt ein neutrales, weißes T-Shirt, unterschieden sich aber hinsichtlich Geschlecht, ethnischer Zugehörigkeit und Gewicht (gemessen in Form des Body-Mass-Index (BMI)). Die konkrete Aufgabe der befragten HR-Fachkräfte war es, die Personen auf den Fotografien einer Auswahl von sechs verschiedenen Berufen zuzuordnen: Arzt, Architekt, Optiker, Einzelhändler, Pförtner und Reinigungskraft. Das Ergebnis: Die Teilnehmer unterschätzten das berufliche Ansehen adipöser Personen und überschätzten es bei normalgewichtigen Personen. Nur fünf Prozent der Befragten ordneten den übergewichtigen Abgebildeten die renommierten Berufe Arzt oder Architekt zu. Dagegen vermuteten fast alle, die übergewichtigen Frauen und Männer seien Pförtner oder Reinigungskräfte. Die Stigmatisierung war bei adipösen Frauen am stärksten ausgeprägt.

Gewichtsdiskriminierungen am Arbeitsplatz betreffen vor allem Frauen

Sowohl die experimentelle Querschnittsstudie mit HR-Fachkräften als auch die umfassende Analyse von Selbstberichtsdaten und Umfragen verdeutlichen, dass Frauen mit einem höheren Körpergewicht stärker von Vorurteilen und Diskriminierung am Arbeitsplatz betroffen sind. Diese Erkenntnis unterstreicht die Dringlichkeit, gezielte Maßnahmen zu ergreifen, um dieser spezifischen Form der Diskriminierung entgegenzuwirken und eine faire, geschlechtergerechte Arbeitsumgebung zu schaffen.

"Frauen sind stärker von Vorurteilen und Diskriminierungen am Arbeitsplatz betroffen. Umso wichtiger ist es, eine faire, geschlechtergerechte Arbeitsumgebung zu schaffen."

Die anhand der in der Tübinger Studie bewiesenen Stigmatisierung von Übergewichtigen durch Personalfachkräfte ist nur eines von vielen Beispielen des sogenannten fat shamings – der Diskriminierung Übergewichtiger. Rein rechtlich ist man vor dieser Form der Diskriminierung nicht geschützt, denn das umgangssprachlich als Antidiskriminiserungsgesetz betitelte Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) soll „Benachteiligungen aus Gründen der Rasse oder wegen der ethnischen Herkunft, des Geschlechts, der Religion oder Weltanschauung, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Identität […] verhindern oder […] beseitigen.“ Bei der Arbeitssuche ist Übergewicht damit beispielsweise ein rechtlich geschützter Grund, um Bewerber abzulehnen. Das dies in der Rechtsprechung auch so gelebt wird, verdeutlicht beispielhaft ein Rechtsstreit, bei dem der Borreliose-Bund Deutschland eine Bewerberin für die Stelle als Geschäftsführerin aufgrund ihres Gewichts abgelehnt hat. Die Bewerberin verklagte den Borreliose-Bund unter Berufung auf das Antidiskriminierungsgesetz auf Entschädigung. Der Antrag wurde jedoch von dem Gericht abgelehnt, mit der Begründung, dass das Antidiskriminierungsgesetzt sich nicht auf Gewichts-Diskriminierungen beziehe.

Gewichtsdiskriminierungen am Arbeitsplatz sind moralisch-ethisch verwerflich – so viel ist sicher. Aber die Unternehmen sollten sich auch darüber im Klaren sein, dass diese Diskriminierungen auch negative wirtschaftliche Konsequenzen nach sich ziehen können – angefangen von Produktivitätsverlusten über höhere Fluktuationsraten bis hin zu Image- und Reputationsproblemen.

 

  1. Verlust an Produktivität: Mitarbeiter, die sich aufgrund ihres Gewichts benachteiligt oder diskriminiert fühlen, sind möglicherweise weniger motiviert und engagiert. Dies kann die Leistungsfähigkeit des Teams beeinträchtigen und letztendlich die Arbeitsqualität sowie die Erreichung von Unternehmenszielen negativ beeinflussen.
  2. Höhere Fluktuationsraten: Wenn Mitarbeiter aufgrund ihres Gewichts diskriminiert werden, fühlen sie sich möglicherweise nicht wertgeschätzt und werden eher dazu neigen, das Unternehmen zu verlassen. Auch hier sind es vor allem Führungskräfte und HR-Fachkräfte, die, wenn sie diskriminierende Tendenzen haben, die Fluktuationsrate in die Höhe treiben. Der Verlust qualifizierter Arbeitskräfte und die Notwendigkeit, neue Mitarbeiter einzustellen und zu schulen, können erhebliche Kosten verursachen und die Kontinuität der Arbeitsabläufe beeinträchtigen.
  3. Image- und Reputationsprobleme: Gewichtsdiskriminierung kann das Image und den Ruf des Unternehmens schädigen. Ein Unternehmen, das für gewichtsbezogene Diskriminierung bekannt ist, kann Schwierigkeiten haben, talentierte Mitarbeiter anzuziehen und Kunden zu gewinnen. Es könnte auch rechtliche Konsequenzen haben, wenn Diskriminierungsfälle vor Gericht gebracht werden und das Unternehmen mit Klagen konfrontiert wird. Dies kann zu finanziellen Verlusten und einem Rückgang der Markenreputation führen.

Es ist daher nicht nur moralisch, sondern auch wirtschaftlich sinnvoll, aktiv gegen Gewichtsdiskriminierung vorzugehen und eine inklusive Arbeitsumgebung zu fördern.

Gewichtsdiskriminierungen am Arbeitsplatz sind nicht nur moralisch verwerflich, sondern wirken sich auch negativ auf den Unternehmenserfolg aus

Wie können wir Gewichtsstigmatisierungen am Arbeitsplatz verhindern?

Ein Plädoyer für Kompetenzbildung und Selbstreflexion

Gewichtsstigmatisierungen am Arbeitsplatz sind moralisch verwerflich und wirtschaftsschädigend. Wie also können wir verhindern, dass Mitarbeiter und Bewerber aufgrund ihres Gewichts benachteiligt werden?

Stephanie von Liebenstein von der Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung betont in einem Artikel der Süddeutschen Zeitung mit dem Titel „Hochgewicht im Job: Dünn sein lohnt sich“, die Notwendigkeit, das äußere Erscheinungsbild in das allgemeine Gleichbehandlungsgesetz aufzunehmen – eine Forderung, die ich unterstütze.

Trotzdem neige ich dazu, einen Weg der Kompetenzbildung und Selbstreflexion zu bevorzugen. Häufig stoßen rigide Regelungen und Einschränkungen auf inneren Widerstand, da wir Menschen dazu neigen, uns dagegen zu sträuben. Daher halte ich es für effektiver, ein Bewusstsein für die Situation zu schaffen. Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass Gewichtsstigmatisierungen am Arbeitsplatz vorkommen und dass sie aus ethischen und wirtschaftlichen Gründen problematisch sind. Und wir müssen unsere unbewussten diskriminierenden Tendenzen erkennen – auf gesellschaftlicher und auf individueller Ebene. Nur von diesem Punkt aus können wir Schritte unternehmen, um echte Veränderungen herbeizuführen.

Besonders Personalfachkräfte und Führungskräfte müssen hinsichtlich ihres potenziellen Diskriminierungsverhaltens geschult werden

Aus meiner Sicht sind es zwei Berufsgruppen, die besonders dringlich ihr potenzielles Gewichtsstigmatisierungsverhalten beobachtet sollten, nämlich

  • HR-Fachkräfte und
  • Führungskräfte

Beide sind entscheidende Akteure in den Bereichen Rekrutierung, Einstellung, Bewertung und beeinflussen daher das tägliche Arbeitsumfeld der Mitarbeiter in erhöhtem Maße. Ihre Wahrnehmungen und Entscheidungen haben damit direkte Auswirkungen auf das Wohlbefinden der Teams sowie auf den Erfolg und das Image des Unternehmens.

Wenn sich HR-Fachkräfte und Führungskräfte beispielsweise in einem Business Training zum Thema „Gewichtsstigmatisierung am Arbeitsplatz“ mit selbstreflexiven Methoden über die eigenen, verborgenen Tendenzen bewusst werden, ist dem ganzen Unternehmen geholfen. Denn, wie bereits erwähnt:

Sichtbarmachung und Erkenntnis ist der wichtige erste Schritt für Veränderung und hin zu einer vielfältigeren, inklusiveren und damit produktiveren Arbeitsumgebung.

Quellen:

Fazio, Laura: „(Ge)wichtige Körper“ Marburg: Büchner, 2021.

Giel, Katrin E. et al. „Stigmatization of Obese Individuals by Guman Resource Professionals. An Experimental Study”.

Giel, Katrin E. et al.: „Weight bias in work settings—a qualitative review“.

LeBesco, Kathleen und Jana Evans Braziel. „Bodies Out of Bounds.Berkeley: University of California Press, 2001.

Posch, Waltraud. „Projekt Körper. Wie der Kult um die Schönheit unser Leben prägt.“ Frankfurt am Main: Campus, 2009.

Relotius, Claas. „Attraktivität im Beruf. Schönheit zahlt sich buchstäblich aus“, KarriereSPIEGEL.

Uchatius, Wolfgang: „Lob der Fülle.“ Zeit Online.

Vandenhirtz, Marie: „Hochgewicht im Job: Dünn sein lohnt sich“ SZ.

 

Bilder: copyright @pixabay

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