Altersdiskriminierung von Frauen und der alternde Frauenkörper im Film

Coralie Fargeats "The Substance" thematisiert Altersdiskriminierung von Frauen, den zeitgenössischen Schönheitsdruck und konfrontiert uns dabei schonungslos mit den realen Problemen unserer körperfixierten Gesellschaft. Auch die Wahl Demi Moores als Hauptdarstellerin in diesem grotesken und feministischen Body-Horror-Thriller scheint alles andere als wahllos. Denn die Biografie der Schauspielerin lässt sich als reales Sinnbild für Altersdiskriminierung von Frauen in Hollywood lesen.

Inhaltsverzeichnis

The Substance – Feministischer Body-Horror über Altersdiskriminierung von Frauen

„Have you ever dreamt of a better version of yourself? Younger? More beautiful? More perfect?” mit dieser Frage lockt The Substance seine Protagonistin Elisabeth Sparkle ins Verderben. Der Film der französischen Regisseurin und Drehbuchautorin Coralie Fargeat gewann den Wettbewerb um die Goldene Palme des Filmfestivals von Cannes für das beste Drehbuch und feierte am 3. Juli 2024 seine Deutschlandpremiere auf dem Münchner Filmfest.

Das Filmfest selbst beschreibt The Substance als „feministisch-satirischen Body-Horror“: Elisabeth Sparkle, eine ehemalige Filmgröße und gefeierte Oscargewinnerin, hat die 50 überschritten und steht nur noch mit ihrer eigenen Fitness-Sendung im Rampenlicht. Als sie auch dort aufgrund ihres Alters rausgeschmissen wird, scheint ihre Karriere endgültig gescheitert zu sein. Doch ein Arzt bietet ihr einen Ausweg an – The Substance: “One single injection unlocks your DNA. Starting a new cellular division that will release another version of yourself. This is The Substance.”

Die Substanz, die sich Elisabeth in einer zwielichtigen Ecke der Stadt aus einem Postfach abholt und selbst verabreicht, scheint die hoffnungsvolle Lösung für ihre altersbedingten Probleme zu sein – doch das Selbstexperiment, dem Elisabeths anderes Selbst „Sue“ entspringt, endet in einem blutigen Konkurrenzkampf mit ihrem Alter Ego.

The Substance handelt von Altersdiskriminierung von Frauen und dem zeitgenössischen Schönheitsdruck – und er schleudert seinen ZuschauerInnen dabei reale Probleme unserer körperfixierten Gesellschaft schonungslos entgegen.

Altersdiskriminierung, auch unter dem Begriff Ageism bekannt, bezeichnet die ungerechtfertigte Benachteiligung oder Herabsetzung einer Person aufgrund ihres Alters.

Altersdiskriminierung als gesellschaftliches Problem

The Substance ist ein Science-Fiction Film und gehört damit zu einem Filmgenre, das rein spekulative Konzepte behandelt. Die Substanz, mit der die Protagonistin ihren Körper in zwei Teile ihrer Selbst spaltet, existiert entsprechend in unserem echten Leben nicht. Doch das altersdiskriminierende System, in dem die The Substance-Protagonistin Elisabeth lebt, ist real.

Benachteiligungen oder Herabsetzungen von Personen aufgrund ihres Alters finden statt – und vor allem Frauen sind häufig Zielscheibe von Altersdiskriminierungen. Mit der Filmbranche hat The Substance-Regisseurin und -Drehbuchautorin Coralie Fargeat dabei ein Setting gewählt, in dem diese gesellschaftliche Problematik besonders eklatant zum Vorschein kommt: Frauen gelten in Hollywood im Vergleich zu ihren männlichen Kollegen deutlich früher als „alt“ und werden dann immer seltener für Rollen besetzt. Nur jede vierte der Film- und Serienfiguren, die über 50 sind, ist eine Frau. Und auch die durchschnittlichen Einnahmen pro Film von weiblichen Darstellerinnen steigen bis zum Alter von 34 Jahren und sinken danach rapide. Im Vergleich dazu erreichen die durchschnittlichen Einnahmen pro Film für männliche Darsteller ihren Höhepunkt im Alter von 51 Jahren und stabilisieren sich dann.

Demi Moore als Symbol von Altersdiskriminierung in der Filmbranche

Auch Fargeats Wahl, Demi Moore als Hauptdarstellerin für ihren entlarvenden Horror-Thriller zu besetzten, scheint in Anbetracht dieser Umstände alles andere als wahllos. Denn die Biografie der Schauspielerin lässt sich als reales Sinnbild für Altersdiskriminierung von Frauen in Hollywood lesen.

In den frühen 1990er Jahren war Demi Moore omnipräsent: Mit Rollen in Filmen wie Ghost – Nachricht von Sam (1990), Eine Frage der Ehre (1992) und Ein unmoralisches Angebot (1993) wurde sie zu einem der größten Hollywood-Stars. Während ihrer Karriere erhielt Moore zahlreiche Auszeichnungen und Nominierungen, darunter einen Saturn Award, einen People’s Choice Award und zwei Golden-Globe-Nominierungen. Doch ihr steiler Aufstieg erlitt 1996 einen Bruch: Mit dem Erotik-Drama Striptease, in dem Demi Moore eine Stripperin spielt, erhielt sie über zwölf Millionen Dollar – damals die höchste jemals an eine US-Schauspielerin gezahlte Gage. Jedoch bekam Moore damit auch die Goldene Himbeere als Schlechteste Schauspielerin.

Striptease markierte den Beginn des Karriereabstiegs der damals Mitte 30-jährigen Demi Moore. In der Folgezeit erschien sie häufiger in Klatschblättern als auf der Leinwand. Vor allem ihre Beziehung und anschließende Ehe mit dem deutlich jüngeren Film- und Serienschauspieler Ashton Kutcher sorgte aufgrund des Altersunterschieds der beiden für großes Aufsehen.

2011 trennte sich das Paar und Moore geriet erneut in die Schlagzeilen – dieses Mal wegen ihrer erschreckend mageren Erscheinung, einem Notruf und einem Klinikaufenthalt. Mit fast 50 Jahren stand Moore – die einst bestbezahlteste Schauspielerin in Hollywood – damit sowohl beruflich als auch privat vor einem Scherbenhaufen.

Demi Moore in The Substance
Die Besetzung der Hauptrolle in "The Substance" mit Demi Moore ist alles andere als Wahllos: Die Biografie der Hollywood-Schauspielerin ist Sinnbild für Altersdiskriminierung in der Filmbranche

Die Altersdiskriminierung von Frauen in The Substance

Der alternde Frauenkörper als Problemkörper

Auch die The Substance-Protagonistin Elisabeth Sparkle war einst ein Superstar mit einem eigenen Stern auf dem Hollywood Walk of Fame. Dass ihr Alter der Grund für die Entlassung aus ihrer Fitness-Sendung ist, erfährt sie, als sie von einer Toilettenkabine aus ein Telefonat ihres Vorgesetzten (Dennis Quaid) überhört. Der im zwar Film namenlose, im Drehbuch aber in Anlehnung an Harvey Weinstein als „Harvey“ benannte Produzent will einen jüngeren, frischeren Star für die Sendung und macht sich über Elisabeths alternden Körper und ihre Verjüngungsversuche lustig. Auch im offiziellen Entlassungsgespräch behauptet er, dass mit 50 nun Mal Schluss sei. Auf Elisabeths Nachfragen, womit genau denn mit 50 Schluss sei, reagiert er nicht.

The Substance führt uns jedoch klar vor Augen, dass nicht Elisabeth als Person, sondern der alternde Frauenkörper ist, den Harvey und damit die Filmbranche loswerden möchten. Denn die Rolle in der neuen Fitness-Sendung ergattert nicht irgendeine neue Schauspielerin, sondern Elisabeths Alter Ego „Sue“. Und Sue, das betont eine ominöse Telefonstimme über den Film hinweg immer wieder, ist ein Teil von Elisabeth – nur eben ein jüngerer, schönerer Teil.

Weiblicher Konkurrenzkampf im patriarchalen System

Damit Elisabeth und Sue als zwei Teile eines Selbst koexistieren können, müssen sie sich ihre Zeit jedoch aufteilen: Im Wechsel dürfen sie immer jeweils genau 7 Tage leben. Während Elisabeth ihre Zeit hauptsächlich vor dem Fernseher verbringt, steht Sue als neuer Star vor der Kamera. Um am Leben zu bleiben, muss sie sich jeden Tag eine Flüssigkeit verabreichen, die sie mit einer großen Spritze Elisabeths Rücken entnimmt. Doch das Gleichgewicht gerät immer mehr ins Wanken: Sue hält sich immer seltener an die 7-Tage-Regel, überschreitet die Grenze erst mit einem Tag, dann mit ein paar Wochen und schließlich mit Monaten. Diese Grenzüberschreitungen haben jedoch Folgen: Mit jedem Tag, den Sue länger lebt, wird Elisabeths Alterungsprozess beschleunigt. Erst wacht sie mit einem deutlich gealterten Finger auf, dann mit grauen Haaren und einem alten Bein und schließlich sieht sie einer fast haarlosen, buckeligen Version ihrer Selbst im Spiegel ins Gesicht. Sue, Elisabeths junger Anteil, versucht sie immer stärker zu verdrängen und mit jedem Mal steigt die Wut auf beiden Seiten: Es entbrennt ein erbitterter Konkurrenzkampf, der in einem Blutbad endet.

Subversives Körperbild

Der Kampf zwischen Jung und Alt, der sich in The Substance abspielt, ist ein weiblicher Konkurrenzkamp innerhalb eines patriarchalen Systems: Entscheider über die Zukunft beider Frauenfiguren ist und bleibt Harvey und auch Sue gerät immer häufiger in Notlagen. Als auch ihr Körper zu verfallen droht, versucht sie eine dritte Version ihrer Selbst zu kreieren und erschafft damit ein Monster, das äußerst fragile Körperfragmente von ihr und auch von Elisabeth enthält. In einer besonders bizarren Szene versucht sich das eben geschaffene „Mostro Elisabethsue“ für einen Fernsehauftritt „schön“ zu machen. Dabei steckt es sich in Ermangelung eines Ohrs Glitzerohrringe direkt in den Kopf, verdeckt mit dem Tüll seines Ballkleides den zweiten Kopf, der auf seinem Rücken hervorlukt und klebt sich ein ausgeschnittenes Porträtfoto der jungen Elisabeth über das entstellte Gesicht.

Diese Szene ist nur eines von vielen Beispielen, die die Spielart von The Substance sichtbar machen: Der Film ist als subversiv zu beschreiben und versucht mittels grotesker Körperbilder den Zuschauer auf die Absurdität weiblicher Körpernormen und Körperdiskriminierungen hinzuweisen.

Subversion ist eine Form der Rebellion, die auf radikale Erneuerung aus ist. Subversive Körperbilder in Filmen und Serien versuchen mit Hilfe verschiedener Strategien bestehende Körpernormen und Schönheitsideale zu brechen.

Altersdiskriminierung von Frauen im Film mit Zahlen, Daten und Fakten belegt

Subversive Körperbilder wie jenes in The Substance lassen sich nur verstehen, wenn sie mit den bestehenden Körperbildern, gegen die sie rebellieren, in ein Verhältnis gesetzt werden.

Eine Studie, die die Darstellung von Film- und Serienfiguren, die über 50 sind, untersucht hat und die Altersdiskriminierungen in Film und Fernsehen mit Zahlen, Daten und Fakten belegt, ist „Women over 50: The right to be seen on screen” vom Geena Davis Institute on Gender in Media. Das Institut, das gleichberechtigte Darstellungen von Geschlecht, Rasse/Ethnie, LGBTQIA+, Behinderung, Alter 50+ und Körpertyp in den Medien fördert, analysierte in Zusammenarbeit mit Next50 die Top 10 der Filme und Fernsehserien aus den Jahren 2010-2020. In einer quantitativen und qualitativen Analyse deckt die Studie eine deutliche Unterrepräsentation und auch Stereotypisierung von Figuren und im Besonderen von Frauenfiguren über ab 50 auf:

  • Figuren über 50 werden zahlenmäßig deutlich seltener gezeigt als jüngere Charaktere unter 49 Jahren
  • Figuren über 50 sind kaum in Hauptrollen, sondern meist in Nebenrollen und kleineren Rollen in Film und Fernsehen zu finden
  • Figuren über 50 sind deutlich häufiger in der Rolle des Bösewichts zu sehen als in der Rolle des Helden
  • Nur jede vierte Figur über 50 ist eine Frau
  • Film- und Serienfiguren über 50 werden häufig mit stereotypischen Eigenschaften in Verbindung gebracht und als senil, gebrechlich oder altbacken dargestellt.
  • Weibliche Charaktere über 50 werden mehr als doppelt so häufig als unattraktiv dargestellt wie männliche Charaktere über 50
  • Je nach Plattform sind lediglich zwischen 10 % und 19 % der Figuren ab 50 über- bzw. mehrgewichtig
  • Charaktere über 50 sind nur selten in romantische Handlungsstränge verwickelt

Die Studie des Geena Davis Institute on Gender in Media zeigt somit, dass Altersdiskriminierung in den Medien real und statistisch belegbar ist und dass vor allem Frauen mit Ageism zu kämpfen haben.

Medienkompetenz als Schlüssel gegen Altersdiskriminierung von Frauen

Subversive Filme wie The Substance entlarven körperbezogene Vorurteile und Stigmatisierungen wie die Altersdiskriminierung von Frauen, indem sie uns mittels grotesker Körperbilder die Absurdität gängiger Schönheits- und Körpernormen vor Augen führen. Dabei muss man bedenken, dass popkulturelle Repräsentationen wie Filme und Serien niemals unschuldig sind: Die Figuren und Körper, die wir in den Medien sehen, beeinflussen unsere eigene Körperwahrnehmung und Körperzufriedenheit und die gesellschaftliche Akzeptanz von Körpern. Dieser Einfluss der Medien auf die Körperwahrnehmung ist nicht zu unterschätzen und kann sogar Essstörungen und Körperbildstörungen mit hervorrufen.

Wie aber können wir uns vor diesen negativen Medienwirkungen schützen?

In der Studie „Women over 50: The right to be seen on screen” vom Geena Davis Institute on Gender in Media werden die Film- und Serienschaffenden dazu aufgerufen, inklusivere Darstellungen von Menschen über 50 zu kreieren. Dieser Appell kann jedoch nur ein Teil der Lösung sein. Um der medial potenzierten Altersdiskriminierung wirksam entgegenzutreten, brauchen Zuschauer eine bessere kritisch-reflexiven Medienkompetenz – und das auch im Erwachsenenalter.

Medienkompetenz bedeutet in diesem Kontext mehr als nur die Fähigkeit, Medien zu nutzen. Es umfasst auch die Fähigkeit, Medieninhalte kritisch zu hinterfragen und deren Einflüsse zu verstehen. Welche Frauenfiguren sehen wir auf der Leinwand? Wie werden sie dargestellt? Welche Geschichten werden erzählt – und welche nicht? Nur wer die Mechanismen und Stereotypen erkennt, mit denen Mediendarstellungen die Altersdiskriminierung von Frauen fördern, kann sich ihnen bewusst entgegenstellen und die eigene Körperwahrnehmung schützen.

Körperzufriedenheit fördern

Schütze dich und deine Körperwahrnehmung vor negativen Medienwirkungen

Quellen:

The Substance (Reg.: Coralie Fargeat, Prod.: Working Title Films & A Good Story, 2024).

Fazio, Laura: „(Ge)wichtige Körper Subversive Gewichtsdarstellungen in Lena Dunhams Girls und Mindy Kalings The Mindy Project.“ Marburg: Büchner, 2021.

„Women over 50: The right to be seen on screen” Studie durchgeführt vom Geena Davis Institute & Next50. URL: https://geenadavisinstitute.org/research/women-over-50-the-right-to-be-seen-on-screen/#:~:text=Characters%20aged%2050%2B%20constitute%20less,and%2066%25%20in%
20streaming%20platforms (Letzter Zugriff: 08.07.2024).

Bilder: 

„The Substance“ (Filmcover mit Demi Moore) copyright @Working Title Films, A Good Story

„Altersdiskriminierung in Hollywood“ copyright @pixabay (Bandiereunite)

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