#mentalhealth: (Mentales) Gesundheitsstreben auf Social Media
Mentale Gesundheit liegt im Trend – und das wortwörtlich. Auf Social-Media-Plattformen wie Instagram und TikTok zählen #mentalhealth, #selfcare und #healing zu den Trending Hashtags. Das ist wenig verwunderlich, denn vor allem in westlichen Gesellschaften herrscht aktuell ganz grundsätzlich ein sehr ausgeprägtes Gesundheitsstreben. Die Soziologin Laura Wiesböck, die sich in ihrer Forschung und ihrem Sachbuch „Digitale Diagnosen“ dem Gesundheitstrend auf Social Media widmet, spricht im Interview mit dem WDR von einer „Überwertigkeit eines Gesundheitsdenkens“, das sich sowohl auf die psychische als auch die physische Gesundheit bezieht. Bedeutet im Klartext: Jeder will gesund sein. Verständlich. Und im Grunde ja auch nicht verkehrt.
Problematisch wird das überbewertete Gesundheitsdenken jedoch, wenn klinische und medizinische Belastungen in den Medien mit neoliberalen Leistungsansprüchen und Laien-Ratschlägen vermischt werden.
Aber gehen wir noch einmal einen Schritt zurück und schauen uns den Mental-Health-Trend auf Social Media etwas genauer an.
Laura Wiesböck ist eine österreichische Soziologin. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen soziale Ungleichheit, Arbeit, Armut, Geschlecht und Digitalisierung. In ihrem neusten Buch "Digitale Diagnosen" beschäftigt sie sich explizit mit dem mental health Trend auf Social Media.
„Social Media Therapy“: Selbsthilfe und Krankheits-Enttabuisierung im Internet
Psychische, aber auch physische Erkrankungen werden aktuell mehr denn je auf TikTok und Co. geteilt. Betroffene berichten in Videos und Posts von ihrer Erkrankung, dem Weg zur Diagnose, Symptomen und vielem mehr. Diese persönlichen Einblicke können laut Wiesböck sehr hilfreich sein, denn sie sorgen dafür, dass sich viele mit ihrer Symptomatik nicht mehr allein fühlen und im Internet stützende Gemeinschaften in einer Art virtueller Selbsthilfegruppen finden.
Außerdem werden mit dem Mental-Health-Trend auf Social Media zuvor stark tabuisierte Krankheiten wie z. B. Depressionen, ADHS, Bipolaritäten oder Essstörungen weiter enttabuisiert. Das ist gut, denn: Wenn über ein bestimmtes Thema nicht gesprochen wird, bleibt Raum für Spekulationen, Fehlinformationen und Ängste – und das kann im Falle von Krankheiten potenziell lebensgefährlich sein, wie auch ich in meinem Artikel Krankheit und Tabu bereits erläutert habe. Wenn die allgemeine Offenheit im Umgang mit Erkrankungen dagegen wächst, entstehen auch mehr Räume, um Stigmatisierungen aufzulösen und Behandlungsoptionen aufzuzeigen.
So weit, so gut. Aber: Wo liegt jetzt das Problem mit dem Gesundheitstrend auf Social Media?
Krankheits-Vermarktung auf Social Media
Das Gesundheitsthema bietet ein hohes Identifikationspotenzial. Viele folgen dem Trend, konsumieren Beiträge und teilen auch selbst Inhalte unter den Trending-Hashtags rund um den Themenkomplex Mental Health. Dass dieser Trend ein hohes Identifikationspotenzial bietet, bedeutet aber auch, dass er gleichzeitig ein hohes Vermarktungspotenzial liefert. Influencer, Online-Plattformen und Unternehmen schlagen aus Gesundheitsstreben, klinischen und mentalen Belastungen Profit. Und das birgt Gefahren, denn: Wenn Social-Media-Influencer dann über das bloße Teilen von Erfahrungen hinausgehen und Tipps, Maßnahmen und Angebote mit einbringen, steigt das Risiko, dass – im schlimmsten Fall lebensbedrohliche – Fehlinformationen auf Social Media kursieren.
Ein anschauliches Beispiel hierfür liefert der Fall Belle Gibson, der erst jüngst von Netflix in der Miniserie Apple Cider Vinegar verfilmt wurde.
Apple Cider Vinegar: Netflix-Serie über die Risiken von Gesundheits-Influencertum
Der Betrugs-Fall Belle Gibson
Belle Gibson Gibson ist eine australische Betrügerin und ehemalige Influencerin, die durch die Verbreitung pseudowissenschaftlicher Ansichten bekannt wurde. Sie behauptete, an Krebs erkrankt zu sein, und propagierte, sich durch gesunde Ernährung und alternative Heilmethoden selbst geheilt zu haben. Diese Behauptungen führten zur Veröffentlichung einer Gesundheits-App und des Kochbuchs The Whole Pantry, die weltweit Beachtung fanden. Viele Erkrankte folgten über einen langen Zeitraum hinweg Gibsons pseudowissenschaftlichen Tipps, kauften ihre Produkte und brachen teilweise sogar lebensrettende Therapien ab. Der Skandal: Später stellte sich heraus, dass Gibsons Krankheitsgeschichte frei erfunden war. Sie hatte nie Krebs und entsprechend durch ihre Ernährung und Heilmethoden keine Krankheiten besiegt.
Der Fall Belle Gibson und die Netflix-Serie Apple Cider Vinegar thematisieren die Verantwortung von Influencer*innen im Umgang mit Gesundheitsinformationen, die Auswirkungen von Fehlinformationen auf Social Media und warnen vor der Kehrseite des Gesundheitstrends auf Instagram und Co.
Milla Blake: Wenn sich Laien den medizinischen Kittel umstülpen
Spannend ist in der Serie Apple Cider Vinegar auch die Gegenüberstellung von Belle Gibson mit der Figur Milla Blake, die überwiegend auf der realen Person Jessica Ainscough basiert.
Milla ist, wie Belle, ebenfalls Wellness-Influencerin für alternative Krebsheilungsmethoden. Anders als Belle ist Milla jedoch tatsächlich an einer seltenen Form von Krebs erkrankt, dem epithelialen Sarkom. Millas Ärzte erklären ihr, dass ihre beste Überlebenschance darin bestünde, ihren Arm an der Schulter abzutrennen. Stattdessen versucht sie sich selbst mit einer unbewiesenen Methode namens Gerson-Therapie zu behandeln, die auf einer Ernährung mit biologischen Früchten, Gemüse und Vollkornprodukten beruht, um dem Körper reichlich Vitamine, Mineralien, Enzyme und andere Nährstoffe zuzuführen. Der Ansatz beruht auf der Überzeugung, dass Krankheiten geheilt werden können, indem man Giftstoffe aus dem Körper entfernt, das Immunsystem stärkt und überschüssiges Salz in den Zellen des Körpers durch Kalium ersetzt. Ihre vermeintlichen Erfolge teilt Milla in den Sozialen Medien, veranstaltet Wellness-Events und verkauft Smoothies.
Als dann auch Millas Mutter Tamara an Krebs erkrankt, überredet ihre Influencer-Tochter auch sie dazu, an Stelle der ärztlich angewiesenen Krebstherapien, die Gerson-Therapie zu verfolgen – mit fatalen Folgen. Tamara verstirbt und auch Millas fiktive und Jessica Ainscoughs wahre Geschichte enden in einem tragischen, frühen Tod (Ainscough verstarb im Alter von nur 29 Jahren).
Millas Erzählstrang in Apple Cider Vinegar zeigt, dass Influencertum und Laien-Ratschläge in Gesundheitsfragen auch dann gravierende Folgen haben und andere gefährden können, wenn die Intentionen dahinter nicht böswillig sind. Das problematische und gefährliche ist in diesem Fall, dass – wie Laura Wiesböck es beschreibt – nicht-qualifizierte Personen sich den medizinischen Kittel überstülpen und sich selbst zu Experten erklären.
Das paradoxe Versprechen von Social-Media-Gesundheitsratschlägen
Apple Cider Vinegar zeigt eindrücklich auf, dass Tipps, Methoden und Angebote von Laien in den sozialen Medien potenziell lebensgefährliche Folgen haben können. Die problematischen Aspekte des Social-Media-(Mental)-Health-Trends enden dort jedoch nicht.
So weist Laura Wiesböck darauf hin, dass die Suche nach Mental-Health-Tipps auf Social Media in sich paradox ist, denn: Social-Media-Plattformen leben von der Monetarisierung von Aufmerksamkeit. Sie sind so gestaltet, dass sie uns möglichst lange auf den Plattformen halten und „süchtig“ machen wollen – man spricht hier sogar von einem sogenannten Addictive Design, das Instagram und Co. zugrunde liegt. Nun ist es so, dass viel Zeit auf Social Media nachweislich psychische Belastungen auslösen kann. Nutzer*innen, die sich stundenlang der „Instagram Therapy“ unterziehen und Gesundheitstipps auf Social Media konsumieren, können also genau an dem Ort, an dem sie sich Linderung erhoffen, ihre Symptomatik im schlimmsten Fall weiter verstärken.
„Ich muss meditieren für meine Mental Health“: Wenn Gesundheitsstreben zum Optimierungszwang wird
Weitere Probleme hinter dem Mental-Health-Trend auf Social Media werden deutlich, wenn man die neoliberale Ideologie, auf der der Trend fußt, näher betrachtet.
Dass der Trend aus den USA zu uns herübergeschwappt ist, wird bereits auf der Sprachebene deutlich, erklärt auch Laura Wiesböck. Es wird von Mental Health anstatt von mentaler Gesundheit, von Selfcare, Healing und Triggern gesprochen. Und es wird immer wieder an die Eigenverantwortung appelliert: Gesundheit „soll“ oder „muss“ gar angestrebt werden. Man soll meditieren, Yoga machen, eine bestimmte Ernährung befolgen, bestimmte Produkte konsumieren – und, und, und. Das Gesundheitsstreben vermischt sich hier mit Konsumappellen und Optimierungsprämissen, was wiederum auch Druck auf das Individuum ausüben kann.
Wer sich online also eine Diagnose sucht, kann gleichzeitig einen Grund finden, weshalb er oder sie nicht so leistungsstark ist, wie es der Kapitalismus verlangt. Die digitale Diagnose entlastet in diesem Sinne: Der*die Betroffene trägt „keine Schuld“ an der eingeschränkten Leistungsfähigkeit und kann sich – zumindest in Teilen – von der Eigenverantwortung loslösen.
Der Selbstoptimierungsdruck, der mit dem Appell an die Eigenverantwortung für das gesundheitliche Wohlbefinden einhergeht, wird verstärkt, wenn man genauer betrachtet, von wem der Wellness- und Gesundheitsaspekt ausgeht und an wen er sich richtet. Hier stellt Wiesböck eine starke Ästhetisierung des Gesundheitstrends auf Social Media fest, insbesondere bei weiblichen Influencerinnen, und fragt sich:
„(..) was bedeutet es für junge Frauen zum Beispiel, die digital psychiatrische Diagnosen (…) hauptsächlich an begehrenswerten, attraktiven Körpern sehen, die das als neuen Produktivitätsgewinn vermitteln?“
Gesundheit und soziale Ungleichheit: Wer kann sich „Selfcare“ überhaupt leisten?
Wiesböck befürchtet zudem, dass mit dem amerikanischen Gesundheitstrend in den sozialen Medien auch ein auf radikale Individualisierung, Konsumzentrierung und Konkurrenzdenken basierendes neoliberales Wertesystem bei uns verstärkt wird.
Die Eigenverantwortung und der aktivierende Modus, mit dem das Gesundheitsstreben auf Social Media eingefordert wird, üben nämlich nicht nur Druck auf Individuen aus, sondern ignorieren auch soziale Ungleichheiten. Denn der Wellness- und Gesundheitstrend ist an Ressourcen gekoppelt, die nicht jede*r hat: Man braucht Zeit, um regelmäßig zu meditieren, man braucht Geld, um gesunde Lebensmittel zu kaufen. Die Frage ist also, wer es sich überhaupt leisten kann, sich um seine psychische Gesundheit selbst zu kümmern – und wer eben nicht…
„(…) Insofern gilt es eher anzusetzen daran, die zeitlichen Ressourcen strukturell so zu verändern, dass es nicht so ist, dass sich Frauen zum Beispiel oder Mütter (an die der Appell ja sehr häufig gerichtet wird), extra Zeit freischaufeln müssen, um den patriarchalen und kapitalistischen Vorstellungen der Schönheitsorientierung und der Leistungsfähigkeit dienen zu können (…).“ (Laura Wiesböck)
Wie können wir mit den Risiken des Gesundheitstrends auf Social Media umgehen?
Der Gesundheitstrend auf Social Media konnte hier natürlich nur angerissen werden. Aber auch im Abriss wird klar, dass dieser Trend nicht ungefährlich ist. Deshalb möchte ich abschließend versuchen aufzuzeigen, wie wir mit den Risiken des Gesundheitstrends auf Social Media umgehen können.
Akzeptanz für menschliche Versletzlichkeit und strukturelle Regulierungen als Lösung
Wiesböck betont, dass Krisen, emotionale Verletzungen und Phasen der Ineffizienz Teil des Lebens. Auf Social Media werden sie pathologisiert und zum „reparaturbedürftigen Feld“ erklärt, wie sie es ausdrückt. Anstelle dieses Optimierungsstrebens appelliert Wiesböck an mehr Toleranz für die eigene Verletzlichkeit, Widersprüchlichkeit und Unvollkommenheit im Angesicht der Nicht-Erfüllung überhöhter Gesundheits- und Leistungsanforderungen neoliberal-kapitalistischer Gesellschaften.
Im WDR-5-Interview merkt sie aber auch mangelnde strukturelle Regulierungen an und fordert unter anderem eine Klassifizierung von Social-Media-Plattformen als Suchtmittel. Richtigerweise erklärt sie, dass das eigene Wohlbefinden auch von gesellschaftlichen und kommerziellen Bedingungen abhängt und dass deshalb die Strukturen verändert werden sollten.
Kritisch-reflexive Medienkompetenz als Lösung
Auch wenn ich Wiesböcks Vorschläge teile, sehe ich Veränderungspotenziale weniger im Ruf nach politischen Reglementierungen, sondern vielmehr in der Vermittlung von Medienkompetenz: Wenn Nutzer*innen bewusst gemacht wird, welche Risiken der Gesundheitstrend auf Social Media für ihr Wohlergehen birgt, in welchem gesellschaftlichen und kommerziellen Kontext Social-Media-Plattformen funktionieren und wie man selbst Inhalte und Angebote kritisch-reflexiv einordnen kann, können sie sich auch besser schützen.
Dass ich eine Verbesserung der eigenen kritisch-reflexiven Medienkompetenz vorschlage, bedeutet dabei keinesfalls, dass ich erneut an eine leidensdruckverstärkende Eigenverantwortung appellieren möchte. Vielmehr geht es im Gegenteil genau darum, die (medialen) Systeme und deren Wirkungsmacht als solche zu erkennen und anzuerkennen. Ein bewussterer Umgang mit diesen digitalen Dynamiken kann dabei helfen, sich dem Optimierungsdruck zu entziehen und potenziell gefährliche Inhalte als solche einzuordnen.
Ich bin promovierte Film- und Medienwissenschaftlerin mit einem Forschungsschwerpunkt im Bereich Medienkompetenz und Körperwahrnehmung
Schütze dich und dein Körperbild vor negativen Medienwirkungen
Quellen:
„Laura Wiesböck: Digitale Diagnosen – taz Talk meets Buchmesse Leipzig“, taz-Youtube-Kanal. Veröffentlicht am: 28.3.2025. https://www.youtube.com/watch?v=gMuh6vB6e6g (Letzter Zugriff am: 31.3.2025)
„Psychische Gesundheit als Social-Media-Trend – Laura Wiesböck.“ In: WDR 5 Neugier genügt – Redezeit. Veröffentlicht. Moderation: Tobi Schäfer. Gehört auf: Sportify. (Letzter Zugriff am: 1.4.2025)
May, Naomi: „Is ‚Apple Cider Vinegar‘ Character Milla Blake Based On A Real Person?” Veröffentlicht am: 25.2.2025. https://www.elle.com/uk/life-and-culture/culture/a63755185/apple-cider-vinegar-milla-blake/ (Letzter Zugriff am: 1.4.2025)
„Apple Cider Vinegar“ (2025). Regie: Jeffrey Walker. Drehbuch: Samantha Strauss. Produktionsfirmen: Netflix, Picking Scabs, Screen Australia, See-Saw Films, VicScreen. Erstausstrahlung: 6. Februar 2025 auf Netflix.
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