Ozempic – die Wunder-Droge der Stars als neues Allheilmittel gegen Übergewicht und Adipositas?

Ozempic ist ein Abnehm-Medikament in Spritzenform, das durch die Erfolge in Hollywood mittlerweile weltbekannt ist. Ozempic ist jedoch, wie jedes andere Medikament auch, nicht frei von Risiken und Nebenwirkungen. Mehr noch: Der aktuelle Hype um Ozempic macht erneut das breite Themenspektrum um Gewicht und Körperbild auf, das vielschichtige Aspekte wie Gesundheit, die Lebensmittelindustrie und Körperwahrnehmung einschließt. Zeit, die Frage „Sollte ich Ozempic einnehmen?“ multiperspektivisch zu beleuchten.

Inhaltsverzeichnis

Ozempic – die Abnehm-Droge aus Hollywood

Als der britische New York Times Bestseller-Autor und Journalist Johann Hari nach der Corona-Pandemie erstmals wieder eine Party im Haus eines bekannten Oscar-Gewinners in Hollywood besucht, ist er verblüfft: Scheinbar hatten die Stars im Lockdown tatsächlich jede Menge Pilates-Workouts gemacht. Jeder schien nicht nur, wie in Hollywood üblich, rank und schlank geblieben zu sein, sondern noch zusätzliche Kilos verloren zu haben. “I arrived, and everyone was gaunt,” berichtet Hari im Interview mit GQ. “It was striking.”

Der Grund, weswegen die Stars und Sternchen schlank aussahen, war jedoch ein anderer – und dieser Grund heißt Ozempic.

Ozempic ist ein Abnehm-Medikament in Spritzenform, das durch die Erfolge in Hollywood mittlerweile weltbekannt ist. Und auch Johann Hari selbst hat mit Ozempic mittlerweile 20 Kilo verloren und seine eigenen Erfahrungen, Recherchen und Interviews in einem neuen Buch unter dem Titel Magic Pill: The Extraordinary Benefits and Disturbing Risks of the New Weight Loss Drugs veröffentlicht.

Der Titel des Buchs spricht jedoch für sich: Ozempic ist, wie jedes andere Medikament auch, nicht frei von Risiken und Nebenwirkungen. Mehr noch: Der aktuelle Hype um Ozempic macht erneut das breite Themenspektrum um Gewicht und Körperbild auf, das vielschichtige Aspekte wie Gesundheit, die Lebensmittelindustrie und Körperwahrnehmung einschließt. Zeit, die Frage „Sollte ich Ozempic einnehmen?“ multiperspektivisch zu beleuchten.

Wie wirkt Ozempic?

Warum nehmen wir zu?

Wie also wirkt das vermeintliche Wundermittel Ozempic? Um diese Frage zu beantworten, muss man zunächst erklären, wieso Menschen zunehmen und wieso es vor allem in westlichen Gesellschaften immer mehr übergewichtige Menschen und Adipositas-Erkrankte gibt.

Ein weit verbreiteter und mit einem starken Gewichtsstigma behafteter Irrglaube ist, dass es Mehrgewichtigen an Disziplin mangele. Vergleicht man die Gewichtsstatistiken verschiedener Länder und Kontinente, ist der gemeinsame Nenner der von Adipositas stark betroffenen Regionen jedoch keine Massen-Disziplinlosigkeit, sondern ein anderer: industriell verarbeitete Lebensmittel.

Im Gegensatz zu frischen, vollwertigen Lebensmitteln unterdrücken diese industriell verarbeiteten Lebensmittel unser Sättigungsgefühl. Die Folge: Man isst und isst und nimmt zu und nimmt zu.

Besonders anschaulich nachgewiesen wurde dieses Phänomen in einem Experiment des Neurowissenschaftlers Paul Kenny: Kenny hielt Mäuse in einem Käfig und fütterte sie zunächst mit frischen, unverarbeiteten Lebensmitteln. Die Mäuse fraßen bis sie satt waren und ließen überschüssiges Futter liegen. Im nächsten Schritt seines Experiments gab Kenny den Mäusen stark verarbeitete Lebensmittel – von frittiertem Speck bis Cheesecake. Die Folge: Die Mäuse fraßen bis nichts mehr übrig war und wurden immer dicker. Scheinbar schienen sie ihr natürliches Sättigungsgefühl verloren zu haben.

Labormaus Tibor Janois Mozes Bild aus pixabay
Das Mäuse-Experiement von Paul Kenny unterstützt die Hypothese, dass industriell verarbeitete Lebensmittel unser Sättigungsgefühl beeinflussen

Mit Ozempic das eigene Sättigungsgefühl wiedererlangen

Genau hier setzt Ozempic an: beim Sättigungsgefühl.

Ozempic ahmt ein natürliches Hormon namens GLP-1 nach, das im Darm freigesetzt wird, und beeinflusst die Freisetzung anderer Hormone, die den Appetit regulieren. Dies kann zu einem insgesamt geringeren Hungergefühl führen.

Die Hollywood-Abnehmspritze hat aber nicht nur auf den Darm, sondern auch auf das Sättigungszentrum im Gehirn Einfluss: Ozempic wirkt auf Rezeptoren im Hypothalamus, einem Bereich des Gehirns, der den Appetit reguliert. Durch die Aktivierung dieser Rezeptoren vermittelt Ozempic ein Sättigungsgefühl, sodass man weniger Hunger verspürt und weniger isst.

Und zu guter Letzt verzögert Ozempic die Entleerung des Magens, wodurch die Nahrung länger im Magen bleibt. Dies trägt dazu bei, dass man sich länger satt fühlt nach dem Essen und reduziert das Verlangen nach weiteren Mahlzeiten oder Snacks.

Ozempic zügelt also den Appetit, indem es das Sättigungszentrum im Gehirn aktiviert und die Magenentleerung verlangsamt. Wer Ozempic konstant einmal pro Woche verabreicht bekommt, verliert so im Schnitt 15-20% des eigenen Körpergewichts.

“Wer verschreibt Ozempic”: Große Nachfrage auch in Deutschland

Mit den Berichten über Abnehm-Erfolge von Hollywood-Stars wie zum Beispiel Rebel Wilson und Oprah wird Ozempic auch in Deutschland immer bekannter. Die Anzahl der Suchanfragen im Internet steigt.

Laut Answer the public zählen zu den häufigsten Internet-Suchen zu Ozempic Fragen wie:

  • Wohin wird Ozempic gespritzt?
  • Wo Ozempic spritzen?
  • Wer verschreibt Ozempic?
  • Arzt der Ozempic verschreibt?
  • Ozempic welche Dosis?
  • Warum Ozempic nicht lieferbar?

Aber diese Suchanfragen decken ein erschreckendes Risiko auf: Die Fragen sind klar handlungsorientiert und kaum informierend gestellt. Die User scheinen konkret auf der Suche nach Ärzten zu sein, die ihnen das Medikament verschreiben oder nach Anleitungen, um sich das Medikament im Alleingang zu verabreichen. Hintergründe zu z.B. Nebenwirkungen werden kaum gesucht.

Und auch in einem Gespräch mit einer Psychotherapeutin einer Klinik für essgestörte und adipöse junge Frauen habe ich erfahren: „Ich werde immer häufiger nach Ozempic gefragt. Viele Minderjährige wollen das Medikament direkt einnehmen, ohne vorher alternative Möglichkeiten auszuprobieren.“

„What these drugs do is give you an unprecedented tool to amputate your appetite. And I'm very concerned that there could be an opioid crisis-like death toll from young girls – and it is overwhelming young girls – and boys starving themselves.” (Johann Hari)

Ozempic Risiken und Nebenwirkungen: Von Depression bis Krebs

Als Abnehm-Spritze ist Ozempic zwar relativ neu und gerade en vogue. Diabetes-Patienten wird es jedoch bereits seit 18 Jahren verabreicht, weshalb einige verlässliche Forschungsergebnisse vorliegen und es von einigen Ärzten als Abnehmmedikament verabreicht wird. Frei von Risiken und Nebenwirkungen ist Ozempic allerdings nicht – im Gegenteil.

Unter die rein ästhetische Nebenwirkungen, über die gerade bei Hollywood-Stars häufig berichtet wird, fällt das Ozempic Face: Der schnelle und drastische Gewichtsverlust sorgt dafür, dass das Gesicht häufig eingefallen und schlaff wirkt. Zu den medizinisch häufigen und bis zu einem gewissen Grad hinnehmbaren Nebenwirkungen zählen Übelkeit, Durchfall und Erbrechen. Ozempic kann aber auch Pankreatitis, eine sehr schmerzhafte Entzündung der Bauchspeicheldrüse, auslösen oder dauerhafte Verdauungsstörungen begünstigen. Weil Ozempic auf das Gehirn einwirkt, wird außerdem vermutet, dass das Risiko für Depressionen steigen könnte. Jean-Luc Faillie, ein Pharma-Spezialist an der Université de Montpellier in Frankreich hat sogar nachweisen können, dass Ozempic das individuelle Risiko für Schilddrüsenkrebs massiv erhöhen kann – und zwar um 50-70%.
(Hierbei ist es wichtig zu verstehen, dass nicht die Wahrscheinlichkeit an Schilddrüsenkrebs zu erkranken, bei 50 bis 75 % liegt, wenn man Ozempic einnimmt. Aber es bedeutet, dass das von Mensch zu Mensch unterschiedliche Schilddrüsenkrebsrisiko um 50 bis 75 % steigt.)

Selbst Johann Hari, der mit Ozempic viel Gewicht verloren und damit die Risiken für viele gewichtsbedingte Erkrankungen senken konnte, ist alles andere als unkritisch, wenn es um Ozempic geht:

“On a personal level, as someone who is taking these drugs, I’m worried about the long-term effects. And it's slightly weird, because I learned so much about the benefits of Ozempic, and about the 12 big risks – but I’m still quite conflicted. It's a genuinely complicated picture.” (Johann Hari)

Abnehm-Drogen und ihre Folgen: Requiem for a Dream als filmisches Worst-Case-Szenario

Ein Spielfilm, der das Worst-Case-Szenario und die erschreckenden Folgen von Schlankheitswahn und einer selbst dosierten Einnahme von Abnehmmedikamenten zeigt, ist Darren Aronofksys Requiem for a Dream.

In Parallelmontage erzählt der Regisseur das Schicksal vierer Protagonisten, deren Lebensläufe eng miteinander verwoben sind und die an ihrem Drogenkonsum unweigerlich zu Grunde gehen, egal ob die Droge Heroin, Kokain, Pillen, Essen oder Fernsehen heißt.

Besonders auffällig ist die psychisch-physische Transformation Sarah Goldfarbs. Die Witwe ist von Anfang an vom gleichzeitigen Konsum des Fernsehens und des Essens abhängig. Als ihr in einem Anruf versprochen wird, sie werde demnächst im Fernsehen auftreten, beschließt Sarah abzunehmen, um wieder in ihr rotes Kleid zu passen.

Nachdem ihr erster Diät-Versuch scheitert, besucht Sarah einen Arzt und lässt sich von diesem Appetitzügler verschreiben. Die Tabletten halten zunächst ihre versprochene Wirkung: nach und nach lässt sich der Reißverschluss an dem roten Kleid immer weiter schließen, doch auch andere körperliche Nebenwirkungen stellen sich ein: Sarah verhält sich unruhig, hektisch und sprunghaft und entwickelt einen nervösen Tick, beginnt mit den Zähnen zu knirschen. Als die euphorisierende Wirkung der Tabletten langsam nachlässt, erhöht die Rentnerin eigenhändig ihre Dosis. Ab diesem Punkt der Filmhandlung verändert sich Sarahs Wahrnehmung dramatisch: die Protagonistin entwickelt eine amphetamininduzierte Psychose, beginnt zu halluzinieren und leidet unter ständigem Verfolgungswahn. Als schließlich die Fernsehwelt in die reale Welt der Protagonistin einzudringen beginnt, entflieht Sarah ihrer Wohnung. Vom ersehnten Körperbild ist sie nun weit entfernt. Kaum noch Haut und Knochen, die roten Haare zerzaust und ausgewaschen, irrt Sarah in ihrem roten Kleid durch die Stadt und wird schließlich in ein Sanatorium eingeliefert. Die Torturen enden hier jedoch nicht. Sarahs Körper wird mit Zwangsernährung und Elektroschocktherapie an die Grenzen der Belastbarkeit geführt, bis sie schließlich abgemagert, mit kurzgeschorenen grauen Haaren und ausdrucksloser Miene vor uns steht. Die psychische Veränderung der Protagonistin spiegelt sich in ihrer physischen Transformation wider.

Ozempic - auch kein Medikament ohne Nebenwirkungen

Nun mag eingewendet werden, dass es sich bei Aronofskys Requiem for a Dream „nur“ um einen Spielfilm handelt. Jedoch gab es in der Vergangenheit tatsächlich Amphetamin-basierte Abnehm-Medikamente auf dem Markt, die bei einigen Einnehmenden Physchosen hervorgerufen haben.

Im DOAC-Podcast spricht auch Johann Hari von verschiedenen vermeintlichen Abnehm-Wundermitteln, die über die Jahre herausgekommen sind und aus unterschiedlichen gesundheitsschädigenden Folgen nach und nach wieder vom Markt genommen wurden. Einige dieser Nebenwirkungen führten sogar bis zum Tod.

Die Geschichte zeigt also: Keine Handlung ohne Folgen. Kein Medikament ohne Nebenwirkungen. Und Ozempic bildet hierbei keine Ausnahme. Und die langfristigen Folgen sind noch unklar.

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Sollte ich Ozempic einnehmen?

Sollte man Ozempic also schlichtweg nicht einnehmen? So einfach ist die Situation nun auch wieder nicht.

Starkes Übergewicht und Adipositas bringen viele Erkrankungsrisiken mit sich, deren Folgen potenziell genauso dramatisch sind, wie die möglicherweise auftretenden Ozempic-Nebenwirkungen – darunter Herzprobleme, Diabetes und auch einige Krebs-Erkrankungen.

“Anyone who is obese or overweight is going to have to weigh up the risks of these drugs against the risks of obesity, which are both significant.”, erklärt Johann Hari. “And anyone who tells you there’s an easy answer, don’t believe them. It’s complicated.“,

Die Entscheidung für oder gegen Ozempic ist alles andere als leicht. Wer übergewichtig oder adipös ist, sollte individuell und mit ärztlicher Beratung abwägen, ob die Einnahme von Ozempic sinnvoll sein könnte. Ein Richtig oder Falsch kann es hier nicht geben.

Die strickt handlungsorientierten Internet-Suchanfragen zu Ozempic sind aber gerade deshalb besorgniserregend, weil sie suggerieren, dass sich einige Nutzer das Medikament auch ohne Verschreibung oder ärztliche Begleitung selbst spritzen wollen – wahrscheinlich, um das eigene Körperbild zu verändern. Die Stars machen es vor: Ozempic für den ultra-schlanken Körper – ohne jegliche medizinische Notwendigkeit.

Die Abnehm-Spritze kann, wenn sie in die falschen Hände gerät, Essgestörten ein machtvolles Instrument zur Gewichts-Manipulation liefern. Und spätestens an dieser Stelle müssen wir uns dann neben der Lebensmittelindustrie als Ursache für die Adipositas-Epidemie auch unseren Körperidealen und der Gewichtsstigmatisierung widmen. Wäre Mehrgewicht gesellschaftlich nämlich nicht so sehr verpönt und würden Mehrgewichtige nicht diskriminiert werden, ließe sich zumindest diese Gefahr eindämmen.

Insofern kann Ozempic alleine zwar für manche zum wertvollen, individuellen Hilfsmittel werden, aber niemals im Alleingang das globale Problem lösen. Denn hierfür müssen sich die Lebensmittelindustrie ebenso wie die gesellschaftliche Körperwahrnehmung drastisch ändern.

Quellen:

Fazio, Laura: “Darren Aronofsky: Körperbilder, verkörperte Wahrnehmung, Körperkino“ Masterarbeit betreut von Prof. Dr. Vinzenz Hediger, Goethe-Universität Frankfurt am Main, Wintersemester 2014/2015. Abschlussnote: 1,0.

“Ozempic: Miracle Drug or Health Hazard? What People Don’t Tell You | Johann Hari“ Jay Shetty Podcast, Veröffentlicht am: 10.5.2024, ULR: https://www.youtube.com/watch?v=jQej92CAzBY (Zuletzt aufgerufen am: 29.5.2024)

Johnson, P., Kenny, P. Dopamine D2 receptors in addiction-like reward dysfunction and compulsive eating in obese rats. Nat Neurosci 13, 635–641 (2010). https://doi.org/10.1038/nn.2519

Schofield, Daisy: “’It could be the next opioid crisis’: the author warning the world about Ozempic”, Interview mit Johann Hari, GQ, Veröffentlicht am: 1.5.2024, URL https://www.gq-magazine.co.uk/article/ozempic-johann-hari-interview (Zuletzt aufgerufen am: 29.5.2024)

Bilder: 

„Maßband“ copyright @pixabay (lloorraa)

„Labor-Maus“ copyright @pixabay (Tibor Janosi Mozes)

„Junge Frau auf Waage“ copyright @pixabay (sisdahgoldenhair)

„Spritze“ copyright @pixabay (monfarma90)

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